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Jakob marschierte den Gang wieder hinunter Richtung Lift, und blieb an der nächsten Wohnung stehen. Miranda McNamara, die einzige Zeugin. Er warf einen prüfenden Blick auf sein Handgelenk und klopfte. Kurz darauf öffnete ihm eine attraktive dunkelhaarige Frau, zu Jays Erleichterung war sie bereits vollständig bekleidet.
"Ja bitte?"
"Entschuldigen Sie die Störung, mein Name ist Jakob Lauroto und ich hätte ein paar Fragen zu dem Vorfall letzte Nacht in der Nebenwohnung."
"Sind sie von der Polizei? Ich habe Ihren Kollegen doch schon alles mehrfach erzählt."
Jay schüttelte den Kopf. Bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte, sprach die Frau jedoch schon weiter.
"Sie sehen nicht wie jemand von der Presse aus..."
"Ich komme von einer Privatdetektei, die Liebermans waren Kunden. Ich habe daher eher ein persönliches Interesse, wenn Sie es so ausdrücken möchten.", unterbrach er sie gleich.
Sie zögerte einen Moment und lies ihn dann eintreten. Die Wohnung schien dem selben Grundplan zu folgen, wie die der Liebermans, war ebenfalls gut eingerichtet, wenn auch nicht ganz so exquisit. Jakob folgte ihr in das Wohnzimmer, das allein fast so groß war, wie seine gesamte Wohnung.
Die Frau schätzte er auf Mitte bis Ende 30, aber wenn sie 5 Jahre jünger sein sollte als er dachte, würde ihn das auch nicht wundern.

Nachdem er das Angebot auf etwas zu trinken abgelehnt hatte, und die beiden auf der ledernen Couch platz genommen hatten, lies Jay erst gar keine peinliche Stille aufkommen. "Ich kann mir vorstellen, dass das für Sie ziemlich anstrengend sein muss, aber ich würde Sie bitten, mir zu erzählen, was da letzte Nacht passiert ist."
Sie seufzte tief und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Es klang tatsächlich so, als hätte sie das ganze schon 100 Mal rezitiert. "Es war gegen Mitternacht, ich hatte gerade den Fernseher ausgemacht und wollte zu Bett gehen, als ich den Krach aus der Nebenwohnung hörte. Normalerweise hört man hier nichts durch die Wände, und da es wie ein Ehestreit klang, wollte ich auch gar nichts davon mitbekommen."
Jay fragte sich, ob Mrs McNamara nicht viel eher ganz spitze Ohren bekommen hatte, als sie mitbekommen hatte, was sich nebenan abspielte. Neugier und Voyeurismus waren doch schon fast Tugenden der aktuellen Gesellschaft. Er konnte seinen Gedanken jedoch nicht weiterverfolgen, um den Faden bei ihrer Erzählung nicht zu verlieren.
"Ich hatte schon mitbekommen, dass da ein zweiter Kerl anwesend sein musste. Die Frau hatte geschrien, es wäre nicht dass was es aussieht, und er hatte ihr Vorhaltungen gemacht, dass er das alles nur für sie tue und so. Sie kennen das ja. Dann schrie der Mann wieder, dass er den anderen fertig machen würde und dann fiel der Schuss. Daraufhin fing die Frau zu kreischen und zu schreien an, und ich griff zum Telefon um den Notruf zu verständigen. Dann fiel der zweite Schuss."
Jay saß schweigend und nickend da, beobachtete wie Mrs McNamara mit in die ferne schweifenden Blick von dem Doppelmord erzählte. Sie schien zumindest nicht geschockt oder direkt davon beeinflusst zu sein.
"Misses McNamara, kannten sie die Liebermans?"
"Es ist Miss McNamara, ich bin geschieden.", dabei strich sie sich das Haar von den Schulten und Jay hatte das Gefühl, als würde sie ihn kurz mit einem taxierenden Blick streifen. Sie schien davon selbst gar nichts zu merken. "Nein, eigentlich kannte ich sie gar nicht. Ich wohne erst seit kurzem hier. Habe die beiden nur einmal getroffen, als ich mich als neue Nachbarin vorstellte." Es schien ihr gar nicht recht zu sein, plötzlich über sich selbst zu sprechen.
"Die Polizei erzählte mir, dass sie auch den Mörder erkennen konnten."
"Ja, ich weiß nicht warum, aber gleich nachdem ich den Notruf verständigt hatte, bin ich bin zur Tür gegangen und habe sie einen Spalt geöffnet. Ich dachte, ich könnte die Polizisten warnen, wenn der Mörder noch in der Wohnung gewesen wäre. Wenn ich jetzt drüber nachdenke, wird mir erst bewusst wie schwachsinnig es war. Wenn er mich gesehen hätte...", sie verstummte für einen Moment.
"... aber das hat er nicht.", stubste Jay ihren Redefluss wieder an.
"Nein, er kam aus der Wohnung und ging mit großen Schritten zum Lift. Als er an mir vorbei kam konnte ich ihn erkennen und so der Polizei beschreiben."
"Würden Sie ihn mir mal bitte beschreiben?"
"Hm, etwa 180 groß, kurze dunkelblonde Haare. Blaue Augen, gerade, kurze Nase. Kein Bart, ein rundes Kinn..." Jay erkannte darin sofort die Erscheinung von Rick. Natürlich liefen in einer Millionenstadt noch ein paar andere rum, die dem entsprochen hätten, aber auf den ersten Blick war er es.
"Er fährt einen roten GMC, das Kennzeichen beginnt mit PEI.", schloß die Zeugin ihren Bericht.
"Moment mal. Sie konnten seinen Wagen sehen?"
"Ja, als er aus dem Gang verschwunden war, lief ich zum Fenster hier. Ich sah ihn gerade aus der Tür kommen, in seinen Wagen steigen und davon fahren."
Jay stand von der Couch auf und blickte durch das Fenster, hinunter auf die Straße. Er befand sich im sechsten Stock und konnte in der einen Richtung bis zum Central Park und in der anderen fast bis zum Westend sehen. Schräg gegenüber befand sich eine der vielen Parkgaragen der Stadt und daneben ein Getränkeladen, die Strasse war von geparkten Autos gesäumt. Wenig Verkehr, wenig Passanten auf den Strassen. Eine hübsche Gegend. Eine teure Gegend.
"Wo genau war der Wagen geparkt?", bat er Ms McNamara zu sich ans Fenster.
Als sie direkt neben ihm am Fenster stand, konnte er den Duft ihrer frischgewaschenen Haare riechen. Jay lenkte all seine Konzentration zurück auf seine Ermittlungen.
"Dort vorne, wo jetzt der blaue SUV steht.", sie deutete auf die gegenüberliegende Strassenseite, fast direkt vor dem Hauseingang. Jay fragte sich, ob unwahrscheinliches Glück bei der Parkplatzsuche als Gegenargument in einem Mordfall greifen würde. Wahrscheinlich nicht.
Er drehte sich zu Miranda McNamara um und sah ihr in genau in die Augen. "Sie haben von hier aus das Kennzeichen erkennen können?"
"Nunja, nur die ersten paar Buchstaben..."
Jakob warf noch einen Blick aus dem Fenster. Ihre Augen mussten genauso gut sehen, wie sie aussahen...

Als Jakob das Wohnhaus verlies und auf seinen Wagen zu marschierte, warf er einen Blick über die Schulter, hinauf zu dem Fenster, von dem er selbst erst wenige Minuten zuvor hinunter geschaut hatte. Ob Miranda McNamara dort oben stand und zu ihm runterschaute konnte er nicht feststellen. Ob sie nun versuchen würde, sein Kennzeichen zu entziffern?
Im Wagen sitzend zückte er seinen Notizblock und begann sich ein paar Notizen zu machen. Er musste jetzt noch schnell beim Pathologen vorbei schauen und nochmal ins Büro. Er fühlte ein zufriedenes, emsiges Brummen in seinem Brustkorb. In diesem Moment fühlte er sich, wie einer der großartigen Ermittler einer Fernseh-Serie.

Jakob ging natürlich nicht schlafen. Statt dessen fuhr er ins Büro. Wenn Rick glaubte, dass ihm jemand was in die Schuhe schieben wollte, und er zur Tatzeit nicht in der Wohnung der Liebermans gewesen ist, dann konnte Jay sich nicht auf das verlassen was ihm Inspector Valentine als Wahrheit auftischte. Er brauchte einen komplett frischen Ansatz. Die Cops glaubten an das was sie gefunden hatte, und die Story war stimmig, sie würden nicht nach Ungereimtheiten suchen.
Er hatte sich, als er wieder im Wagen gessen war, gleich ein paar Notizen gemacht, was ihm seltsam vorgekommen war. So gab es keine Spur von der Tatwaffe, und auch dass keine Schmauchspuren an Ricks Händen festgestellt werden konnten, schien niemanden vom Mord-Dezernat zu beunruhigen. Natürlich wusste er nichts von Ricks geheimen Fantasien oder Margret Liebermans sexuellen Vorlieben, aber er hatte Zweifel, dass Rick beim Sex Handschuhe getragen hatte. Und auch die Präzession, mit der beiden Opfern ins Gesicht geschossen wurde... Rick verbrachte mindestens einen Tag die Woche am Schussstand, und war sicherlich ein ziemlich guter Schütze, definitiv ein besserer als Jakob, aber ob er das mitten in einem Gefühlschaos, wie es Valentine beschrieben hatte, bringen konnte?
Jakob lehnte sich in seinem Sessel zurück und holte tief Luft. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass er das nur sehen wollte, weil Rick ihn darum gebeten hatte. Dass er sich einredete, einer seiner ältesten Freunde könne einfach kein Mörder sein.

Jay warf einen Blick auf die Uhr und griff dann zum Telefon. Er rief Julie, die Bürogehilfin, Sekretärin, Mädchen für Alles und, neben Rick, Dritte im Bunde von Private Eyes Inc, an. Er erklärte ihr in wenigen Worten was passiert war, und dass das Büro vorübergehend geschlossen sei, bis die Sache geklärt sei, und sie solange bezahlten Urlaub nehmen solle. Als das Gespräch beendet war, stellte er sich kurz die Frage was wohl aus Julie werden würde, sollte es tatsächlich soweit kommen, dass sie das Geschäft dicht machen mussten. Sie war immerhin alleinerziehend, und Leon ein wirklich guter Junge. Schnell verdrängte er dieses Szenario wieder. Wenn es Beweise gab, das Rick nicht der Täter war, dann würde er sie finden müssen. Bevor er das Büro verlies, schnappte er sich noch den Akt der Liebermans aus dem gut sortierten Schrank. Sie behielten von jedem Fall den sie übernahmen eine Kopie, und ausnahmsweise lohnte sich der ganze Papierkram mal.

Als Jakob Lauroto bei dem Wohnblock in der 86. Strasse ankam, war es bereits halb 8. Zu seinem Glück waren aber immer noch zwei Männer von der Spurensuche vor Ort, welche die Wohnung nach der Tatwaffe abgesucht hatten. Gerade als Jay vor der Tür aufkreuzte, wollten sie den Tatort ohne Ergebnisse verlassen.
Er zeigte ihnen seine Lizenz, "Hey, Inspector Valentine hat mir erlaubt mich kurz umzusehen. Die Opfer waren Kunden, ich fasse auch nichts an."
Die beiden tauschten kurz einen Blick aus, und dann zuckte der Ältere mit den Schultern. "Unsere Arbeit ist sowieso längst erledigt. Viel Spaß." Sie packten ihre Taschen und duckten sich unter den gelben Absperrbändern durch.

Jay betrat die Wohnung, in der sich offensichtlich ein kostspieliger Innenausstatter austoben durfte. Die Wände waren in einem sanften Creme-Ton ausgemalt, der Boden mit glattpoliertem Echtholz ausgelegt. Alles wirkte ein wenig teurer als nötig gewesen wäre, handverlesen und stilvoll. Er wanderte planlos durch die Gegend, lies seinen Blick über die Bilder und wenigen Ziergegenstände gleiten. Die Wohnung wirkte zwar bewohnt, aber nicht wirklich persönlich, ohne jedoch kalt und abwesend zu sein. Atmosphärisch hielt sich die selbe seltsame Balance, in der sich die Einrichtung zwischen Schlichtheit und überladenem Geprotze bewegte. Der Privatdetektiv versuchte sich vorzustellen, wie es wohl sein musste, so zu leben. In der Mitte, zwischen den Extremen.

Schliesslich kam er irgendwann in dem geräumigen Schlafzimmer an, bisher war ihm nichts auffälliges ins Auge gesprungen. Nichts, das ihm dabei half, die Ungereimtheiten zu erklären und Rick reinzuwaschen.
Jakob fand das Zimmer genauso vor, wie es in den Fotos und Beschreibungen von Inspector Valentines Akt dargestellte worden war. Das übergroße schmiedeeiserne Bett, mit den noch zerwühlten Kissen und Decken in dem Margret Lieberman tot zusammengebrochen war, nachdem man sie erschossen hatte.
Die Umrisse, wo Steven Lieberman mit einer Kugel im Kopf gestorben war, befanden sich direkt vor Jays Füssen. Dunkle Blutflecken, vertrocknete kleine Poole, sowie vereinzelte Spritzer bildeten ein abstraktes Muster auf dem Holzboden.
Jakob stellte sich das Szenario vor, wie es ihm Valentine geschildert hatte, alles schien plausibel, ja so musste es abgelaufen sein. Auch wenn er Privater Ermittler war, hatte er weniger ein kriminalistisches Gespür, um solche Fälle zu lösen. Sein Talent lag eher darin, dass er spüren konnte, ob jemand die Wahrheit sagte oder sich da besondere Freiheiten nahm. Selbst jahrelanges Training im Verfolgen von Fernseh-Serien, wo mit Bauchgefühl und Technik-Schnickschnack jeder Täter überführt wurde, halfen ihm hier nicht, die Wahrheit herauszufinden. Wenn es denn eine andere Wahrheit gab, als die, von der Polizei aufgestellten Theorie.
Das Schlafzimmer schien noch der persönlichste Raum der Liebermans gewesen zu sein, hier fanden sich Fotorahmen mit Bildern aus den früheren Tagen des Paares, Zeitschriften und Bücher auf den Nachtkästchen, eine Spieluhr auf der Frisier-Kommode, ein signierter Baseball in einer kleinen Vitrine. Jay prägte sich alles genau ein.
Als er sich zwischen den Absperrbändern hindurchduckte, fiel die Tür hinter ihm in den Rahmen, aber das Schloß schnappte nicht ein. Offensichtlich hatten die eintreffenden Einsatzkräfte die Tür gewaltsam öffnen müssen.

- BM out -

Jay hatte sich danach noch ausführlich mit Inspector Valentine unterhalten. Und letztlich hatten dessen Ermittlungen ein ziemlich schlüssiges Bild gezeichnet, bei dem sich jedes Teil zusammen fügte und das ausnahmslos gegen Rick Cavalera sprach. Die Polizei betrachtete den Fall bereits als abgeschlossen, und war bereit ihn dem Richter vorzulegen und danach den Akt irgendwo im Archiv zu versenken, und Rick würde lebenslänglich ins Gefängnis wandern. Valentine hatte zwar von SingSing gesprochen, aber für Jakob war die Vorstellung, das Rick in einem Hochsicherheitsgefängnis landen würde, nicht nachvollziehbar. Andererseits, hätte er sich auch nie vorstellen können, das jemand, den er so lange kannte, überhaupt in diese Situation kommen würde.
Der Akt den Valentine präsentierte, erzählte jedenfalls folgende Geschichte:

Mister Lieberman hatte am 12. des Vormonats die Privatdetektei "Private Eyes Inc." angeheuert herauszufinden, ob seine Ehefrau ihn mit einem anderen Mann betrügt. Da er geschäftlich viel unterwegs war, hätte sie dazu allerlei Grund und Gelegenheit. Nachdem die Detektei den Fall angenommen hatte, stellte sie bald fest, dass Margret Lieberman es mit ihrem ehelichen Treuegelübde tatsächlich nicht sonderlich ernst nahm. Mister Lieberman wurde am 25. September von den Ermittlungen informiert, ihm wurde das entsprechende Beweismaterial übergeben und die Detektei ausbezahlt.
- Diesen Teil der Geschichte hatten sie von Rick, und die Angaben waren, soweit Jakob es wusste auch korrekt.

Irgendwann in dem Zeitraum von Beginn der Ermittlungen bis Ende September jedoch hatte Richard Cavalera selbst eine Affäre mit Mrs Lieberman begonnen. In den letzten 2 Wochen jedenfalls hatten sich die beiden 5 Mal getroffen, das war wenig spektakulär in ihrem Terminkalender eingetragen.
- Jakob fragte sich wozu Mr. Lieberman die Agentur angeheuert hatte, wenn es ihm seine Frau so einfach machte etwas über ihre Liebhaber herauszufinden.

Der Tathergang wurde von der Polizei so dargestellt, dass Rick und Mrs. Lieberman sich letzte Nacht in der Wohnung der Liebermans getroffen hatten, da Mr. Lieberman geschäftlich verreist war. Dafür sprachen die beiden Weingläser, mit Fingerabdrücken, die zwar noch bei der Analyse waren, aber erste Vergleiche sprechen dafür, dass es sich um die Hinterlassenschaften der beiden handelt. Außerdem wurde ein benutztes Kondom sichergestellt, das ebenfalls noch analysiert wird, aber Valentine war sich auch hier sicher auf wen die DNA-Spuren hinweisen würden.
Leider war Mr. Liebermans geschäftlicher Termin nur vorgetäuscht gewesen, da er seine Frau in flagranti erwischen wollte. Kurz nach Mitternacht kehrte Steven Lieberman in seine Wohnung zurück, und fand seine Frau Margret mit Rick Cavalera im Bett. Als der gehörnte Ehemann feststellte, dass niemand anders als der Privatdetektiv den er selbst angeheuert hat, in die ehebrecherischen Aktivitäten verwickelt ist, begann ein Streit.
Er drohte: "Ich werde dafür sorgen, dass Ihre kleine, schäbige Detektei den Bach runtergeht und sie in der ganzen Stadt nie wieder Arbeit finden."
Daraufhin erschoss Rick Cavalera Steven Lieberman.
Mrs Lieberman schrie: "Oh mein Gott! Was hast Du getan?"
Daraufhin erschoss Rick auch sie.
Kurz darauf verlies er die Wohnung.
- Die beiden Schreie und die Schüsse konnte die Nachbarin, die auch den Notruf verständigte, klar hören. Sie stand in der geöffenen Tür ihrer Wohnung als Rick die Wohnung der Liebermans verlies, und konnte ihn so erkennen und beschreiben. Außerdem konnte sie ihn vom Fenster in seinen Wagen einsteigen sehen.

Als Inspector Valentine mit seinen Ausführungen zu Ende war, saß Jay mit genauso hängenden Schultern da, wie er es bei Rick eine Stunde zuvor gesehen hatte. Selbst ein guter Anwalt konnte das hier nicht umdrehen, und ein Privatdetektiv schon gar nicht - die Beweise waren schlüssig.
"Ich weiß sie sind schon lange befreundet, und ich habe schon oft selbst gut mit ihm zusammen gearbeitet. Aber so etwas passiert. Sie würden nicht glauben, wie viele Leute die ich selbst kenne, einen Kurzschluss hatten, und etwas getan haben, dass sie ihr restliches Leben bereut haben."
Jay schaute zu Valentine rüber. Ricks Worte hallten in seinem Kopf wieder "Vertrau mir - Ich war es nicht."
"Stört es Sie, wenn ich mich trotzdem ein wenig umschaue und umhorche?"
Der Inspector trank gerade einen Schluck Kaffee aus einer Tasse mit dem peinlichen Aufdruck 'Supercop' und einer tönerne Polizeimarke, das ganze schien sehr selbstgemacht. Er machte mit der freien Hand einfach eine Bewegung die so ziemlich alles bedeuten konnte. Jay interpretierte es als eine Freigabe und stand auf.
Als er sich gerade umdrehte, setzte Valentine die Tasse ab, "Sie machen sich sorgen, dass sie ihre Detektei zusperren können, wenn das in die Medien kommt, huh?"
Jay drehte sich nochmal um, stütze sich an der Lehne des Stuhles ab an dem er gerade gesessen war. Für ein paar Sekunden überlegte er ein wenig, horchte in sich hinein. "Nein, eigentlich nicht. Ehrlich gesagt, mache ich das jetzt schon ein wenig zu lange. Promiskuite Eheleute beobachten, Angestellte auf ihre Vertrauenswürdigkeit überprüfen, Männer suchen die sich vor ihren Zahlungsverpflichtungen gegenüber den Kindern drücken... Es nimmt einem die Illusion, dass da draußen auch nur eine anständige Seele rumläuft."
"Ich weiß was Sie meinen. Man zweifelt an, ob man seine Kinder in so einer Welt großziehen will...", gab der Polizeibeamte zurück und schüttelte den Kopf.
"Nunja, manchmal denke ich, ich hätte schon vor 6 Jahren, als meine Frau gestorben ist damit aufhören sollen. Vielleicht ist das ja jetzt ein Wink von oben." Er pausierte kurz, während er wieder auf die Tür zumarschierte. "Abgesehen davon, noch habe ich ja nicht mit meiner Arbeit begonnen. Wer weiß was ich noch finde."
Inspector Valentine gab ein freudloses Lachen von sich, "Auf Wiedersehen, Mister Lauroto. Schlafen sie sich aus, sie sehen müde aus!"

- BM out -

Er riss die Augen auf und blinzelte in die Dunkelheit. Das melodische Scheppern neben ihm, nahm an Intensität zu, wurde mit einem dumpfen Brummen verstärkt, das dem Mobiltelefon dabei half über das Nachtkästchen zu tanzen. Er keuchte tief, als er die kühle Nachtluft erstmals bewusst einatmete und griff nach dem Handy bevor es sich über den Rand seiner Welt stürzen konnte und womöglich unter das Bett tanzen würde. Ein Ort den seine Putzfrau regelmässig vergas, wenn sie mit dem Staubsauger unterwegs war.

04:21
'Rick'


Das Licht des Displays war unglaublich grell, gerade im Vergleich mit der gerade erst entdeckten Dunkelheit des Schlafzimmers. Jay drückte schnell die grüne Wähl-Taste um das Gespräch anzunehmen. Statt einer Begrüßung gähnte er laut, nur um seinen Gesprächspartner gleich mal wissen zu lassen, was er davon hielt, mitten in der Nacht geweckt zu werden.

"Jay!", Rick klang ziemlich aufgeregt. Es war eine feine Nuance, die den Klang seiner Stimme von seinem üblichen Enthusiasmus trennte, aber Jay konnte die beiden ganz gut auseinander halten.
"Ich weiß. Und ich schätze mal, du weisst wie spät es ist?"
"Ja, ich weiß.. und es tut mir leid. Aber ich brauche Dich ganz dringend am 28. Revier. Komm so schnell Du kannst, es ist wirklich wichtig."
Jay seufzte tief. Wenn die Stimme seines Kollegen nicht von so einer ernsthaften Dringlichkeit durchdrungen gewesen wäre, hätte er es sich vielleicht überlegt, ob er nicht lieber nochmal rumrollt, die Decke über den Kopf zieht und die letzten 2 Stunden seines verdienten Schlafs konsumieren wollte. So jedoch nickte er bloß, was Rick zwar nicht hören konnte, aber sowieso antizipiert hatte, und legte auf.
Während er die Füße über den Bettrand schob um ins Badezimmer zu trotten, vergas er seinen ersten Gedanken auch schon wieder: die Einstellungen der Klimaanlage für die Nacht ein wenig hochzudrehen.

Die große Uhr an der Wand des Eingangsbereiches zum 28. Revier war gerade drauf und dran seinen Zeiger auf 4:45 zu schieben, als Jay die Halle betrat und auf den diensthabenden Polizisten zuschlenderte. Er hatte sich mit der notwendigen Katzenwäsche begnügt um menschlich zu wirken, und auf Feinheiten für sein gewohntes Auftreten verzichtet. Solange die Haare nicht in alle Richtungen standen, die Zähne geputzt waren und die Kleidung in Ordnung, sollte es ja wohl reichen um seinen Morgen auf einem Polizeirevier zu beginnen.
"Guten Morgen, ich bin Jakob Lauroto. Ich komme zu Mr Cavalera."
"Cavalera? Oh, ich weiß schon. Befragungszimmer 3. Das ist im 2. Stock, links. Ist angeschrieben."
Jay nickte ihm zu und marschierte auf die Treppe zu. Er kannte das 28. Revier nicht wirklich, aber er hatte schon soviel Zeit auf Polizeirevieren verbracht, und die meisten waren sich doch ähnlich angelegt.

Jakob Lauroto war jemand der meistens müde und abgespannt wirkte. Das mag für eine Uhrzeit kurz vor 5 in der früh auf viele Leute zutreffen, aber für Jay gehörte es zu seinem Äußeren wie das immer mehr werdende Grau in den Haaren oder dass er immer in dunkelblauen Anzügen rumlief. Es lag an seinen Augen, das wusste er. Es war der Ausdruck seiner Augen, die ihn stets so müde wirken liesen. Das war schon als er noch ein Junge war so gewesen, und hatte ihm oft zum Vorteil und manchmal aber auch zum Schlechteren gereicht. Und auch die letzten 20 Jahre, in denen er als Privatdetektiv gearbeitet hatte, hatten einiges zu diesem Gesichtsausdruck beigetragen.
Jetzt wo er seinen 42. Geburtstag hinter sich hatte, dachte er sich, hatte er es sich verdient, so fertig auszusehen wie er sich oft fühlte. Doch wenn es jemanden gab, der so wirkte als hätte er eine harte Nacht hinter sich, dann war das sein Kollege Rick Cavalera, als Jakob ins Besprechungszimmer 3 kam.

Ein junger Officer stand vor der Tür des Befragungszimmers. Jay nannte seinen Namen und zeigte ihm seinen Ausweis, und erklärte, dass Rick ihn angerufen hatte und sie Kollegen waren. Der junge Mann deutete ihm einen Moment zu warten und öffnete die Tür, wechselte ein paar Worte bis ein anderer Polizist in der Tür erschien. Das bekannte Gesicht von Inspector Valentine, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte dem Klischee eines überarbeiteten, mürrischen Fernseh-Polizisten zu entsprechen, tauchte neben dem Türrahmen auf und winkte ihn hinein. Kaum das Jay das Befragungszimmer betreten hatte, verlies Valentine den Raum auch schon wieder. "Ich geb' euch 10 Minuten Jungs, das bin ich euch schuldig."
Zu Jakobs Erstaunen waren Rick und er plötzlich allein.

"Was geht hier vor?", Jay lies sich auf dem Metallsessel gegenüber seines langjährigen Partners nieder. Die beiden trennte nun nur mehr der wackelige Blechtisch. Der Raum war in einer stahlgrauen Farbe gestrichen, die mehr als nur nüchtern wirkte, und das kalte Neonlicht der Röhre über ihnen trug den Rest bei. Das war ein Ort, an dem man nicht freiwillig viel Zeit verbrachte.
Rick saß mit hängenden Schultern vor ihm, eine Pose die so unnatürlich und falsch wirkte, wenn man ihn kannte, und wusste wie das Gehabe dieses Mannes sonst war.
"Es tut mir leid, dass ich dich da mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen habe. Aber es ist wirklich wichtig. Du musst mir genau zu hören."
Jay machte eine Handbewegung um Rick zu signalisieren, dass er nicht vorhatte zu unterbrechen.
"Also: es geht um Mord. Doppelmord sogar. Ich wurde deswegen vor ca zwei Stunden verhaftet...", wie um es zu beweisen hob Rick die beiden Arme unter dem Tisch hervor, die in Handschellen gefasst waren.
"Du hast jemanden umgebracht?", unterbrach Jay doch Ricks Redefluss, mit einem überraschten Einwurf.
"Natürlich nicht!", gab dieser scharf zurück. "Also: Ich weiß nicht viel. Valentine ist zwar ein alter Bekannter, aber er wollte ein Geständnis von mir, und glaubt scheinbar ich stelle mich dumm oder so. Die Toten sind Mister Steven Lieberman und seine Frau Margret Lieberman. Sie wurden heute gegen Mitternacht in ihrer Wohnung erschossen."
"Und warum glauben die Cops dass Du es warst?"
"Indizien."
"Indizien?"
"Ja, sie haben scheinbar irgendwas persönliches von mir dort gefunden. Außerdem gibt es scheinbar einen Zeugen."
"Ein scheinbarer Zeuge?"
"Ja, jemand will mich flüchten gesehen haben."
"Das ist ein Scherz."
"Nein. Das ist kein Scherz."
"Wir haben Mitte Oktober, was wird das? Ein verspäteter 1. April? Ein vorgezogener Halloween-Schock?", Jakob fing zu lachen an, bis ihm Ricks Blick die Kehle zuschnürte.
Rick starrte ihn mit dem ernstesten Blick an, den Jakob jemals in dessen Gesicht gesehen hatte. Obwohl Rick nur um ein Jahr jünger war als er, hatte er es geschafft sich das jugendliche Aussehen und den Charme eines Mitt-Zwanzigers zu erhalten. Das hatte ihm auch einen Blick eingebracht, der meist ein spitzbübisches Lächeln im Augenwinkel trug, so als ob er gerade an etwas ziemlich unanständiges oder verdammt lustiges dachte. Was wohl auch oft der Fall war. Aber in diesem Moment, als die beiden in Befragungszimmer 3 des 28. Reviers sassen, konnte Jakob zum ersten Mal sehen, wie verdammt Ernst es Rick war und dass dieser wirklich Angst hatte. Jay wusste, dass er diesen Blick sein lebenlang nicht mehr vergessen würde.
Jay räusperte sich.
"Also ein scheinbarer Indiz und ein scheinbarer Zeuge. Haben sie auch ein Motiv gegen Dich in der Hand?"
Rick senkte den Blick.
"Du hattest ein Verhältnis mit ihr?"
"Shhh.", zischte der Verhaftete und nickte in Richtung der Überwachungskamera die im Eck über der Tür zu dem Zimmer hing.
"Du hattest ein Verhältnis mit Margret Lieberman...", wiederholte Jay unbekümmert und nickte dabei anerkennend, "Selbst wenn sie das noch nicht wissen, wissen sie es bald. Ein Mann in deinem Alter, der seit Jahren keine Beziehung mehr hatte, aber beruflich fast ausschliesslich mit frisch Geschiedenen oder Ehebrecherinnen zu tun hat. Na, da braucht man keinen Abakus um das zu summieren..."
"Du hast auch keine Freundin, Mister Abakus."
"Ich bin Witwer.", gab Jakob von dem Kommentar ungerührt zurück.
Ricks Gesicht bekam für einen Moment einen roten Glanz, aber die Wut die kurz aufgestiegen war, verging so schnell wie sie gekommen war. Er hatte im Moment offensichtlich ganz andere Sorgen, als das ihm sein Partner auf seine Sexgeschichten draufkam.
"Ich meine, ich weiß dass Du eine Affäre nach der anderen hast. Ich bin ja nicht zufällig in diesen Beruf gerutscht, aber Margret Lieberman ..und dann bringst du sie und ihren Mann auch noch um. Wow, Rick... da verschlägt es mir die Sprache."
"Ich habe die beiden nicht umgebracht. Verdammt nochmal. Ich dachte eigentlich, dass Du mir glauben würdest, und mir aus der Patsche hilfst."
"Du glaubst, du brauchst einen Privatdetektiv wichtiger als einen Anwalt?"
"Was ich brauche, ist ein Freund, du Idiot! Abgesehen davon, ist mein Anwalt schon am Weg. Also, hilfst Du mir? Findest Du raus was hier gespielt wird?"
"Das heißt also, Du bist der Meinung, dass dir jemand was unterschieben will?"
"Genau. Jay, Du kennst mich jetzt seit fast 25 Jahren. Vertrau mir - ich war es nicht."
"Alles klar, ich werde mich sofort an die Arbeit machen.", Jay stand auf und schüttelte Rick zum Abschied die Hand.
"Achja, hast Du wenigstens ein Alibi?"
Rick schüttelte schweigend den Kopf.
"Keine verheiratete Frau, die Dich zur Tatzeit zwischen ihren Schenkeln gesehen hat? Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt die Ehre einer Frau zu schützen, die von ihrem Ehemann zu wenig Aufmerksamkeit bekommt."
"Ich war allein. Und jetzt hau endlich ab.", knurrte Rick, dem die Sticheleien seines Kollegen langsam zuviel wurden.
Jakob ging zur Tür und klopfte, damit ihn der Wacheschiebende Polizist raus lies.

- BM out -

 

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