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Wenn eine Serie wie "Baywatch" nach Hawaii verlegt werden kann, dann geht das auch mit anderen Serien. Da ich jetzt eine Fernseh-Banause bin, gibt es nur eine Serie die ich gut genug kenne, um sie an einen anderen Ort verlegen zu können: die Arzt-Serie "Scrubs".
Natürlich würde ich sie wohin verlegen, wo ich mich auskenne und mitreden kann... z.B: ins Landeskrankenhaus Hollabrunn, wo ich jetzt selbst einige Zeit verbracht habe.

Letzte Woche, in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, kurz nach Mitternacht als ich gerade schlafen gehen will, bemerke ich einen Druck auf der Brust. Eher unangenehm als schmerzend. Ich muss beim Lesen blöd gelegen sein, mich verspannt haben.
Der Druck wird immer schlimmer, ich finde keine Position in der ich so einschlafen kann. Mittlerweile tut das richtig weh.
Also jammre ich im Nebenzimmer meine Mutter voll. Die schaltet selbstverständlich sofort in den "Besorgnis"-Modus. Wir messen Blutdruck, der wesentlich höher ist, als bei mir üblich (zum Glück habe ich mich in den Tagen zuvor spasshalber mit ihrem Blutdruckmesser rumgespielt und uns so Vergleichswerte besorgt). Der Ärzte-Notdienst, den meine Mum als nächstes konsultiert, schickt mich ins Spital.
Und so kommen wir gegen 02:30 in der Früh im KH Hollabrun an.

Ich werde auf eine Liege verfrachtet, und die verlasse ich dann auch nicht mehr. Ich bin Patient und werde geschoben. EKG, Blutabnahme, Lungenröntgen ..und schon werde ich auf ein Zimmer verlegt.
"Das EKG ist nicht eindeutig und auch der Bluttest hat Auffälligkeiten.", wird mir erklärt. Noch mehr Blutabnahmen, noch ein EKG, Thrombose-Spritze, Infusion. Man weiß offensichtlich nicht genau was das Problem ist, nur das es ernst ist. Das dürfte auch dem alten Herren, in dessen Zimmer ich da mitten in der Nacht einfalle, klar sein, denn der nimmt den nächtlichen Aufruhr ziemlich gelassen.
Mittlerweile ist längst klar, ich bleibe über Nacht. Gegen halb 4 ist es dann ruhig, die Schmerzen in der Brust und Rücken sind zurück gegangen und ich schlafe erschöpft ein.

Am nächsten Morgen, ich wache um 7h auf, bin ich weiterhin schmerzfrei, spaziere rum, rechne mit meiner baldigen Entlassung und dass man wohl nicht drauf kommt, was der Spuk der letzten Nacht war.
Das Frühstücks-Tablett darf ich aber noch eine Weile nicht anrühren. Ich muss für ein paar weitere Blutabnahmen nüchtern bleiben. Mein Lebenssaft wird also in beschriftete Phiolen abgezapft, und ich bilde mir ein, unter den anwesenden Schwestern und Ärzten gierige Blicke und Zungen die über Eckzähne gleiten zu sehen. Einbildung, bestimmt! ['Dr. Acula' ist eingetragenes Markenzeichen von Dr. John Dorian (Anm. des Verfassers)]. Und dann frühstücke ich erst recht kaum was, weil eh nicht hungrig.

Dann bekomme ich ein EKG umgeschnallt, bei dem die Kabel in ein Kastl wandern, dass ich um den Hals gehängt bekomme, dass die Daten an einen überwachten Monitor funkt. Ich fühle mich plötzlich wie Darth Vader. Überall Kabel und Schläuche, alles was ich trage ist schwarz (meine Boxershorts)... damm-damm-damm ta-da-da ta-da-da...

Kurz vor 9 wird mir bewusst, dass dieser Druck wieder da ist. Wieder beginnt dieser Schmerz und ich kann kaum grad liegen.
Ich rufe eine Schwester, die ruft einen Arzt, und plötzlich wird es hektisch. Man schiebt meine Liege auf die "Herzüberwachungsstation" und meint noch zu mir "dort ist es leider nicht ganz so gemütlich, wie in dem Zimmer eben". Untertreibung pur.

Zig Leute die gleichzeitig an mir rumhantieren. 2 Infusionen, wieder werden mir ein paar Blutampulen abgenommen, Herz-Ultraschall, EKG, ein paar zusätzliche Blutabnahmen. Dann wird rumtelefoniert. Von dem was ich aufschnappe, schliesse ich eigentlich darauf, dass da von einem anderen Patienten die Rede sein muss. Akuter Vorderwand-Herzinfarkt?! Ich bin 26, rauche nicht, trinke selten Alkohol, andere Drogen rühr ich gar nicht an, achte seit einigen Jahren auf meine Ernährung, bin fit ... Hallo?!
Der Schmerz in meiner Brust vergeht dazwischen irgendwann wieder langsam aber doch, dem Nitrat-Spray sei's gedankt.
Dann wendet sich der junge Arzt, der sich schon in der Nacht zuvor um mich gekümmert hat an mich: "Wir werden sie jetzt nach St. Pölten verlegen." Ok, von mir aus... "Die Kollegen dort haben bessere Möglichkeiten, wenn ein Katheder gelegt werden muss." Katheder? "Der Hubschrauber müsste in 10 bis 15 Minuten da sein." Hubschrauber?!? Hubschrauber sind doch nur für ... Notfälle...

Das Hubschrauber-Team verpackt und verschnürt mich handlich ("Der Heli ist halt ein bissl kleiner als so eine Überwachungsstation."), und schon rolle ich weiter, aus dem Krankenhaus ins Freie, in den Heli. Man erklärt mir, dass ich mich nicht schrecken soll, auch wenns ein wenig laut wird - nach St. Pölten sind es nur knapp 15 Minuten, mit Rückenwind weniger.

Ich bin nicht sicher, ob jemand meine Enttäuschung darüber versteht, dass ich meinen ersten Heli-Flug auf dem Rücken liegend verbracht habe und trotz des traumhaften Wetters von der Landschaft nichts gesehen habe.
Ich bin aber auch nicht sicher, ob irgendjemand versteht, wie positiv überrascht ich war, dass sich der Heli-Flug dem sehr ähnlich angefühlt hat, was ich vom "Battlefield 2" spielen kenne.

Im Landesklinikum St. Pölten hat sich dann wieder alles von vorne wiederholt. EKG, Blutabnahmen (auch in die zweite Armbeuge krieg ich eine Kanüle gejagt), Röntgen, mehrere Ultraschall-Untersuchungen, Fragen. So liege ich auf der Liege, mein Blick seit Stunden auf das wenige limitiert, dass sich auf der Decke abspielt, oder es schafft sich mehr als eineinhalb Meter vom Boden abzuheben.

Dann der schmeichelhafte Dialog:
Ärztin: "Wie groß und wie schwer sind Sie?"
BM: "Zirka 1,73 und 75- 80 kg. Genau weiß ich es nicht."
Ärztin *mich genau musternd*: Na, das glaub ich nicht. Maximal 75 kg."
Schwester *schaut mich genauso genau an*: "Naja, da ist ja einiges Muskeln."
Ärztin: "Na gut, ich schreib einfach 75."

Wenigstens ist dann nach dem vierten Herz-Echo sicher, dass ich keinen akuten Herzinfarkt entgegenblicke. Die schon in Hollabrunn vermutete Virus-Infektion schaut als gesicherte Diagnose aus.
Und schwupps lande ich auf der hübschen, modernen, hellen Herzüberwachungsstation. Dort werde ich auch gleich wieder mehrfach verkabelt und an einen Monitor angeschlossen, der ständig meinen Blutdruck, Puls und Atemfrequenz anzeigt. Das bringt mich im weiteren Verlauf natürlich zum Experimentieren.

Ändert sich der Puls wenn ich klassische Musik höre oder Rock?
Was passiert wenn ich an den Skydive oder den Canyon Swing denke?
Wenn ich die hübsche Schwester genauer anschaue, die selten ins Zimmer kommt, oder die weniger hübsche, die meistens da ist?
Wenn ich mich an Sex erinnere?
Naja, da tut sich nicht wirklich was. Zumindest kann ich es nicht beweisen, dass es da direkte Einflüsse gibt. Nur das daran denken und sich erinnern reicht nicht aus, um dem Monitor großartige Skalawechsel und steile Kurven zu entlocken. Eine Enttäuschung, aber ein großartiger Zeitvertreib. Denn lesen ist sehr unangenehm, da ich die Arme mit den Kanülen drin, dafür abwinkeln müsste.

Dann die Schichtübergabe bei den Schwestern. Die Schichtendende geht mit der Beginnenden von Bett zu Bett, erklärt was zu tun ist, etc.
"Das ist der BM. Der darf alleine auf die Toilette gehen."
Die neue Schwester nickt mir lächelnd zu.
Ich recke die geballte Faust in die Höhe, "Was will man mehr?"
Beide grinsen. "Und morgen früh darf er duschen gehen."
Genau _das_ will man mehr. Wahnsinn, soviel Freiheit, soviel Luxus! Denn selbst wenn man die ganze Zeit nur in der Boxershorts rumliegt und auf seiner Liege liegend rumgeschoben wird, es ist erstaunlich wie grauslich man sich ohne eine morgendliche Dusche fühlen kann.

Ich stelle mich eigentlich auf eine ruhige Nacht ein, als gegen 20h der Schmerz in meiner Brust wieder auftaucht. Wenn ich dabei ruhig liegen könnte, wäre es mir fast egal. Schmerzen bedeuten mir normalerweise nichts. Aber nicht bei diesen Attacken.
Ich informiere die Schwester, sie macht ein EKG und holt meinen Arzt. Obwohl weiterhin die Ähnlichkeiten zu einem Herzinfarkt auftauchen, ist klar, dass es von meiner Entzündung kommt. Man bietet mir eine Schmerzmittel-Infusion an, aber da ich nicht auf Drogen stehe, lehne ich das ab. Irgendwann lässt der Schmerz nach, schlafe ich ein.
Dazwischen wache ich immer wieder mal auf, oder werde geweckt weil ich wiedermal für eine Blutprobe herhalten soll. Mittlerweile bin ich zerstochen genug um in einem Drogenfilm als Komparse auftreten zu dürfen. Sogar in Schenkel und Bauch sind Löcher zu finden, als ob mich das Heroin zur Verzweiflung geführt hat, weil ich kaum noch unangestochene Venen an den Armen und Händen habe. Die Realität zeigt dort die Spuren der Thrombose-Spritzen.

Der nächste Morgen bringt nicht nur gewohntes Krankenhaus-Frühstück, übliche Blutabnahmen (irgendwann werden die ein hohles Schlürfgeräusch aber keinen roten Tropfen mehr bekommen, wenn das so weitergeht) und die erhoffte Dusche. Aber auch die Visite meines Arztes und viele klärende Worte.

Ich habe eine Myokarditis. Eine Entzündung des Herzmuskels, ausgelöst durch eine virale Infektion (meine fiebrige 2-Tages-Magen-Darm-Grippe vom Dienstag). Sowas kommt relativ häufig vor, wird aber meistens nicht entdeckt und somit nicht rechtzeitig behandelt. (Und da glaubt man jahrelang diese Warnung, dass sich eine Grippe aufs Herz schlagen kann, ist ein blöder Spruch..). In solchen Fällen wird das Herz laufend geschwächt, bis man dann 30 Jahre später im Spital liegt und auf ein Spenderherz für eine Transplantation hofft.
Man muss nur die Alternative wissen, damit klar wird, dass der von den Ärzten geplante Weg für mich sinnvoller ist.
Ich werde einige Monate Blutdruck-regulierende Medikamente einnehmen müssen. Das ist nicht das Problem. Aber die grundlegende Devise für meine Genesung lautet: schonen, schonen, schonen.
Ich darf mich nicht (über-)anstrengen, Sport betreiben, schwer heben/tragen (schwer = über 3 - 5kg!), etc. damit sich mein Herz von der Schädigung erholen kann, und die bleibenden Schäden minimal bleiben. Die Aussicht auf eine mehrmonatige Rekonvaleszenz finde ich aber nicht grad erfrischen, ich bin aber auch nicht dumm genug, jetzt die Warnungen zu überhören und es gleich zu übertreiben, wo ich nun nach über einer Woche endlich aus dem Spital entlassen wurde.

Apropos Spital: Ich wurde dann noch am Freitag Vormittag wieder zurück nach Hollabrunn überstellt. Diesmal natürlich im Ambulanzwagen und nicht wieder mit dem Helikopter. Aber auch das war ein Erlebnis. Blaulicht erlaubt immerhin, dass man einen Stau auf der Gegenfahrbahn überholt. Hossa! Und immerhin habe ich ein wenig Umgebung durch die Heckscheibe gesehen. (Der Heli-flug war trotzdem besser *bg*)

Tja, und so lag ich dann wieder im Hollabrunner Krankenhaus, teilte mir ein Zimmer mit zwei >70-jährigen, hatte einige Tage wieder meinen Darth-Vader-EKG-Apparat um den Hals hängen. Diese Telemetrie erlaubte mir eine gewisse Bewegungsfreiheit, damit ich zum Beispiel auf die Toilette gehen konnte. Viel mehr Freigang hatte ich damit aber nicht, denn wenn ich aus dem Bereich des Funk-Signals gegangen wäre, hätten die Schwestern wohl geglaubt, dass ich doch noch tot umgefallen bin. Aber bis dorthin habe ich trotz Myokarditis noch ein paar Jahrzehnte.

Dienstag war dann ein großartiger Tag. Ich hab dann endlich das Funk-Kastl abgeben dürfen, und auch keine Kanülen mehr in den Armen gehabt. Da fühlt man sich dann gleich wieder wie ein richtiger Mensch.
Außerdem gab's haufenweise Besuch, was auch gut getan hat. Denn so ist der Spitalsalltag natürlich super-öd...

Aber jetzt bin ich ja wieder in Freiheit, oder so. Denn noch hab ich mich nicht daran gewöhnt, was diese "neue Freiheit" für mich wirklich bedeutet. Schonen, schonen, schonen.

- BM out -

(verfasst am 18.8., letzte Überarbeitung 24.8.)
 

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